Future Skills brauchen neue Organisationsformen
Perspektiven für Hochschulen und Gesellschaft

von Ulf-Daniel Ehlers  |  11. Juni 2025

Die Diskussion um Future Skills als neue Leitkompetenzen für Hochschulbildung hat in den letzten Jahren stark an Dynamik gewonnen. In einer zunehmend komplexen, offenen und dynamischen Welt wird deutlich: Es reicht nicht mehr aus, Studierende lediglich auf klassische Beschäftigungsfähigkeit (Employability) vorzubereiten. Wenn Selbstorganisation, Innovationsfähigkeit, ethische Reflexion und Co-Creation zu zentralen Bildungszielen werden, dann muss sich auch das Verständnis davon verändern, in welchen Organisationsformen diese Kompetenzen erworben, gepflegt und weiterentwickelt werden können.

Hochschulen, die Future Skills ernsthaft als didaktisches Leitprinzip etablieren wollen, stehen damit vor einer doppelten Herausforderung: Sie müssen nicht nur Lehr- und Lernformate transformieren, sondern auch ihre eigene Organisationskultur, ihre Managementprinzipien und ihre Führungsverständnisse grundlegend überdenken.

 


 

Organisationen als Ermöglichungsräume für Future Skills

Future Skills wie Selbstwirksamkeit, gesellschaftliche Verantwortung oder kreative Problemlösungsfähigkeit entstehen nicht im klassischen Seminarraum und nicht in starren Hierarchien. Sie erfordern Organisationsformen, die Offenheit, Selbststeuerung, Kooperation und Reflexivität nicht nur lehren, sondern strukturell ermöglichen.

Organisationen der Zukunft – insbesondere Hochschulen – müssen sich deshalb in Richtung lernender, selbstorganisierter, kooperativer Systeme entwickeln. Statt zentralistischer Steuerung braucht es partizipative Governance, flache Hierarchien, Netzwerkstrukturen und offene Innovationsräume.

Diese Perspektive auf Organisation als "Enabler" individueller und kollektiver Handlungskompetenz ist zentral für die wirksame Entwicklung von Future Skills – sowohl während des Studiums als auch im späteren beruflichen und gesellschaftlichen Leben.

 


 

Management- und Führungskonzepte für Future Skills-Organisationen

Wenn Future Skills die Basis für gesellschaftliche und technologische Innovation bilden sollen, benötigen Organisationen auch neue Führungs- und Managementprinzipien:

 

  • Selbstorganisation fördern: Führung wird weniger über Kontrolle, sondern über Rahmensetzung, Coaching und Vertrauensaufbau wirksam.
  • Partizipation ermöglichen: Entscheidungen werden nicht top-down getroffen, sondern in Co-Creation-Prozessen gemeinsam entwickelt.
  • Reflexivität institutionalisieren: Organisationen müssen kontinuierlich ihr eigenes Handeln hinterfragen und Lernschleifen systematisch einbauen.
  • Fehlerkultur etablieren: Innovation setzt voraus, dass Fehler nicht sanktioniert, sondern als Lerngelegenheiten genutzt werden.
  • Agilität und Flexibilität priorisieren: In dynamischen Umwelten müssen Strukturen beweglich, Netzwerke adaptiv und Entscheidungswege offen gestaltet sein.

 

Diese Prinzipien fordern eine fundamentale Neuausrichtung der Organisationskultur – weg von Effizienz- und Kontrolllogiken, hin zu Ermöglichung und geteiltem Sinn (Shared Purpose).

 


 

Alternative Organisationsformen als Zukunftsperspektive

Im Buchprojekt haben wir verschiedene alternative Organisationsformen beschrieben, die beispielhaft für die Ermöglichung von Future Skills sein können:

 

  • Selbstorganisierte Teams und dezentrale Entscheidungsstrukturen (z.B. Holacracy, Soziokratie)
  • Open Innovation und Innovationsnetzwerke als integrale Bestandteile der Organisation
  • Living Labs und Reallabore innerhalb von Hochschulen als Orte experimentellen Lernens und gesellschaftlicher Innovation
  • Kooperative, interdisziplinäre Cluster statt isolierter Fächerkulturen
  • Digitale Plattformorganisationen, die kollaboratives Arbeiten über physische Standorte hinweg ermöglichen

 

Diese Organisationsformen zeichnen sich durch hohe Adaptivität, Offenheit und partizipative Gestaltungsräume aus – und sind damit ideale Umgebungen, um Future Skills nicht nur zu lehren, sondern in gelebte Praxis zu überführen.

 


 

Schlussfolgerung: Hochschulen als transformative Organisationen

Wenn Hochschulen Future Skills als Kern ihrer Bildungsmission ernst nehmen, müssen sie sich selbst als transformative Organisationen verstehen. Sie müssen nicht nur Lernräume, sondern auch Handlungsräume schaffen – für Studierende, Lehrende und alle anderen Beteiligten.

Future Skills gedeihen dort am besten, wo Organisationen Freiheit zur Gestaltung, Verantwortung zur Mitwirkungund Strukturen für Selbstorganisation bieten. Bildung für die Zukunft heißt daher: Transformation nicht nur lehren, sondern leben.

Prof. Dr. Ulf-Daniel
Ehlers

Leiter der Forschungsgruppe und Professur für Bildungsmanagement und Lebenslanges Lernen

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