Future Skills dürfen kein Add-on sein
Interview mit Prof. Dr. med Margret Ebinger

von Tanja Dauth  |  11. September 2026

Interview mit Prof. Dr. med Margret Ebinger
DHBW, Stuttgart


Wie bereiten wir Studierende auf ein Gesundheitswesen vor, das digitaler, komplexer und zugleich von Fachkräftemangel und knappen Ressourcen geprägt ist?

Für Prof. Dr. med Margret Ebinger von der DHBW in Stuttgart ist klar:

Fachwissen allein reicht nicht mehr. Future Skills müssen deshalb fest im Studium verankert werden – in der Theorie ebenso wie in Praxisphasen und Prüfungen. Besonders entscheidend ist für sie dabei eine Kompetenz: Kommunikation.



Fachwissen allein reicht heute nicht mehr aus


Frau Ebinger, zunächst kurz zu Ihnen: Wer sind Sie und was ist Ihr beruflicher Hintergrund?

Ich bin seit 2013 an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg in Stuttgart am Studienzentrum Gesundheitswissenschaften und Management tätig und dort Studiengangsleitung eines Pflegestudiengangs. Von meinem beruflichen Hintergrund bin ich Ärztin und Gesundheitswissenschaftlerin.

Vor meiner Zeit an der DHBW war ich unter anderem an der Universität Ulm in der gesundheitsökonomischen und rehabilitationswissenschaftlichen Forschung tätig. Außerdem habe ich bei der Klinischen Landesregisterstelle des Krebsregisters Baden-Württemberg gearbeitet. Klinische Erfahrungen habe ich während meines Praktischen Jahres und meiner Zeit als Ärztin im Praktikum in der Chirurgie der Universität Ulm gesammelt.

Warum ist es aus Ihrer Sicht so wichtig, Future Skills bereits im Studium zu fördern und nicht erst später im Berufsleben?

Wir wollen unsere Studierenden auf ein Gesundheitswesen vorbereiten, das sich stark verändert. Wir erleben technischen Fortschritt und Digitalisierung, Digital Health und inzwischen natürlich auch Künstliche Intelligenz. Gleichzeitig haben wir einen zunehmenden Fachkräftemangel, knappe Ressourcen und immer komplexere Versorgungsstrukturen.

Deshalb reicht Fachwissen allein heute nicht mehr aus. Studierende müssen lernen, sich in komplexen Versorgungssituationen zurechtzufinden, Entscheidungen zu treffen, Verantwortung zu übernehmen und im interprofessionellen Team zu arbeiten. Sie müssen kritisch reflektieren und auch neue Versorgungsformen aktiv mitgestalten können.

Genau hier kommen Future Skills ins Spiel.

Im Gesundheitswesen geht es manchmal um Entscheidungen unter enormem Zeitdruck

Welche Future Skills sind für Studierende im Gesundheitswesen besonders wichtig?

Eine ganz zentrale Kompetenz ist für mich das kritische Denken. Studierende müssen lernen, Dinge zu hinterfragen. Eng damit verbunden ist die klinische Entscheidungsfindung. Im Gesundheitswesen müssen teilweise sehr schnell Entscheidungen getroffen werden – im Extremfall geht es um Leben und Tod und immer um das Wohl der Patientinnen und Patienten.

Hinzu kommen digitale Kompetenzen. Wir haben die elektronische Patientenakte, telemedizinische Angebote und zunehmend KI-Anwendungen im Gesundheitswesen. Dabei geht es gleichzeitig um Datenschutz, Datensicherheit und einen verantwortungsvollen Umgang mit diesen Technologien.

Sehr wichtig sind außerdem Kommunikationskompetenz und Teamfähigkeit, insbesondere im interprofessionellen Team.

Und mir liegt auch das Thema Resilienz und Selbstmanagement sehr am Herzen. Gesundheitsberufe bringen Belastungen und kritische Situationen mit sich. Deshalb müssen Studierende lernen, langfristig auch auf die eigene Gesundheit zu achten.

Nicht zuletzt benötigen wir ethische Kompetenz, weil im Gesundheitswesen immer wieder ethische Entscheidungen getroffen werden müssen. Dazu kommen für mich Nachhaltigkeits- und Klimakompetenz.

Future Skills im geschützten Raum erproben

Wie integrieren Sie Future Skills konkret in Ihren Studiengang an der DHBW Stuttgart?

Bei uns sind Future Skills eigentlich allgegenwärtig. Wir arbeiten beispielsweise häufig mit fallbasierten Lehrformaten und projektorientiertem Lernen.

Hinzu kommen interprofessionelle Lerneinheiten. Wir beziehen beispielsweise Hebammenstudierende und Medizinstudierende ein, um die Zusammenarbeit unterschiedlicher Berufsgruppen bereits im Studium zu trainieren.

Außerdem haben wir mit VR-Brillen gearbeitet und nutzen Simulationsszenarien in unserem Simulationslabor. Dort können komplexe Behandlungssituationen in einem geschützten Raum trainiert werden. Dabei geht es gleichzeitig um kritisches Denken, klinische Entscheidungsfindung, Kommunikation und Teamfähigkeit.

Anschließend werden diese Situationen in einem Debriefing gemeinsam reflektiert.

Auch in den Praxisphasen greifen wir Future Skills inzwischen expliziter auf. Hier nutzen wir beispielsweise das E-Portfolio, die Kompetenzwerkstatt, damit Studierende ihre Erfahrungen reflektieren und mit ihrer eigenen Kompetenzentwicklung verbinden können.

Vom Anwenden zum bewussten Reflektieren

Spielt dabei auch der Future Skills Kompass eine Rolle?

Ja, wir haben den Future Skills Kompass im Rahmen eines Workshops eingesetzt und unseren Studierenden zur Verfügung gestellt.

Interessant war für uns auch die Frage, welche Kompetenzen die Studierenden selbst als besonders relevant einschätzen. Genannt wurden unter anderem Kommunikationskompetenz, Selbstkompetenz und Reflexionskompetenz.

Was uns besonders gefreut und auch etwas überrascht hat: Studierende wünschen sich ausdrücklich mehr Zukunfts- und Gestaltungskompetenz.

Das halte ich für sehr wichtig. Gerade im Gesundheitswesen sollten junge Menschen nicht alles als gegeben hinnehmen. Sie sollen erkennen, dass sie Strukturen und Entwicklungen auch selbst aktiv mitgestalten können.

Gute Zusammenarbeit erhöht die Patientensicherheit

Warum sind Future Skills gerade für die interprofessionelle Zusammenarbeit im Gesundheitswesen so relevant?

Wir haben in diesem Bereich bereits langjährige Erfahrungen, unter anderem gemeinsam mit unserem Dualen Partner, dem Klinikum Stuttgart.

Es geht darum, unterschiedliche Berufsgruppen bereits während der Ausbildung und des Studiums gemeinsam an der Versorgung von Patientinnen und Patienten arbeiten zu lassen.

Gute interprofessionelle Kommunikation kann unmittelbar zur Patientensicherheit beitragen. Risiken können reduziert, Medikationsfehler vermieden und die Versorgungsqualität verbessert werden.

Deshalb ist Teamfähigkeit in diesem Kontext ein ganz zentrales Future Skill.

Klimakompetenz wird zur Gesundheitskompetenz

Sie haben auch Nachhaltigkeits- und Klimakompetenz angesprochen. Warum gehören diese Themen ins Gesundheitsstudium?

Der Klimawandel trifft auch das Gesundheitswesen mit voller Wucht. Wir erleben beispielsweise die gesundheitlichen Folgen extremer Hitze.

Studierende müssen deshalb verstehen, welche gesundheitlichen Auswirkungen der Klimawandel hat und welche Anpassungsstrategien notwendig sind. Dabei geht es wiederum um Zukunftskompetenz: Wie müssen wir unser Gesundheitssystem weiterentwickeln?

Gleichzeitig verursacht das Versorgungssystem selbst Treibhausgasemissionen. Deshalb müssen wir auch überlegen, mit welchen Maßnahmen das Gesundheitswesen seine Nachhaltigkeitsziele erreichen kann.

„Wenn Future Skills nur ein Add-on sind, wird es schwierig“

Wo liegen die größten Herausforderungen bei der Integration von Future Skills?

Das Curriculum eines dualen Studiengangs ist bereits sehr voll. Theorie- und Praxisphasen wechseln sich ab, und das Studium ist insgesamt sehr intensiv.

Deshalb halte ich es für entscheidend, Future Skills nicht zusätzlich neben das bestehende Curriculum zu stellen, sondern sie darin fest zu verankern.

Sie müssen Eingang in Lernziele und Kompetenzbeschreibungen finden. Gleichzeitig müssen wir als Lehrende überlegen, an welchen Stellen wir sie dauerhaft in fallbasierte Lehre, Projekte und andere Lehrformate integrieren können.

Wenn Future Skills lediglich ein Add-on sind, wird es schwierig, dauerhaft Akzeptanz zu schaffen. Gerade freiwillige Angebote erreichen Studierende nicht immer.

Deshalb sollten Future Skills langfristig auch in Prüfungen berücksichtigt werden. Wir sollten nicht ausschließlich Fachwissen abfragen, sondern beispielsweise auch kritisches Denken, Entscheidungsfähigkeit, Innovationsfähigkeit und kreative, zukunftsfähige Lösungsansätze.

Natürlich stellt sich dann die Frage, wie solche Kompetenzen fair bewertet werden können. Auch wir Lehrenden müssen uns deshalb weiterentwickeln und geeignete Bewertungskriterien erarbeiten.

Mehr Raum für innovative Prüfungsformen

Wie viel Freiheit haben Sie dabei innerhalb Ihres Studiengangs?

Unser Spielraum wird durch das Modulhandbuch, das Curriculum sowie die Studien- und Prüfungsordnung begrenzt. Trotzdem gibt es Gestaltungsmöglichkeiten.

Eine Seminararbeit kann beispielsweise auch eine Falldarstellung oder Kasuistik sein.

Was ich mir zusätzlich wünschen würde, wäre eine Art Experimentierklausel, die es ermöglicht, neue und innovative Prüfungsformate auszuprobieren, mit denen Future Skills möglicherweise besser erfasst werden können.

Hier sehe ich noch Entwicklungspotenzial.

Was Lehrende von Studierenden lernen können

Gab es in letzter Zeit etwas, das Sie von Ihren Studierenden gelernt haben?

Vielleicht die Gelassenheit.

Ich habe den Eindruck, dass die jüngere Generation mit manchen Dingen gelassener umgehen kann als unsere Generation. Das ist gerade mit Blick auf Resilienz interessant.

Obwohl sowohl unser Gesundheitswesen als auch die allgemeine Weltlage von vielen Krisen geprägt sind, nehme ich wahr, dass die jüngere Generation teilweise anders damit umgeht. Davon können auch wir Lehrenden lernen.

Resilienz heißt auch, langfristig gesund im Beruf zu bleiben

Welche Rolle spielt Selbstfürsorge im Studium?

Eine sehr große.

Es gibt Menschen, die 40 Jahre in der Pflege arbeiten und gesund durch ihr Berufsleben kommen. Andere schaffen es aufgrund der hohen Belastung nicht bis zum Ende ihres Berufslebens.

Deshalb sind Selbstfürsorge und Resilienz für mich zentrale Kompetenzen. Dieses Thema haben wir auch in unserem Curriculum verankert.

Wenn nur ein Future Skill bleiben dürfte …

Wenn Sie sich für genau einen Future Skill im Gesundheitswesen entscheiden müssten – welcher wäre es?

Dann würde ich die Kommunikationsfähigkeit wählen.

Sie ist sowohl im Umgang mit Patientinnen und Patienten als auch im Team, gegenüber Vorgesetzten und eigentlich zwischen allen Menschen wichtig, die im Gesundheitswesen zusammenarbeiten.

Unser gemeinsames Ziel muss sein, gut, klar, wertschätzend und patientenorientiert zu kommunizieren.

Denn letztlich sollte das Wohl der Patientinnen und Patienten für alle Beteiligten im Mittelpunkt stehen.

Future Skills als Querschnittsaufgabe

Wie erleben Sie das Interesse an Future Skills innerhalb der Hochschule und darüber hinaus?

Das Interesse ist auf jeden Fall vorhanden. Wenn ich von Future Skills berichte, stoße ich grundsätzlich auf Interesse. Wie stark sie bereits in den einzelnen Studiengängen umgesetzt werden, kann ich allerdings nicht beurteilen.

Auch auf europäischer Ebene ist das Thema inzwischen sehr relevant. Beispielsweise spielt es innerhalb von EU4Dual und auch bei der Entwicklung neuer Studienangebote eine wichtige Rolle.

Was braucht es aus Ihrer Sicht, damit Future Skills tatsächlich in der Breite ankommen?

Es hängt immer auch von den Menschen ab, die das Thema umsetzen wollen. Deshalb ist es besonders wichtig, die Leitungsebene mitzunehmen. Die Unterstützung der Leitung ist für eine nachhaltige Umsetzung entscheidend.

Gleichzeitig sollten Future Skills als Querschnittsbereich im Curriculum verankert werden. Wir kennen solche Querschnittsthemen bereits aus Bereichen wie Ethik oder Nachhaltigkeit.

Genau so sollten wir auch Future Skills verstehen: Sie gehören nicht in ein einzelnes Zusatzmodul, sondern müssen in unterschiedlichen Modulen, Kompetenzzielen, Praxisphasen und Prüfungsformen immer wieder aufgegriffen werden.

Nur so können wir sie wirklich in die Breite bringen.

Future Skills sind kein Zusatz zum Fachwissen – sie entscheiden darüber, ob Fachwissen in einer komplexen Realität wirksam werden kann.

Deshalb dürfen sie im Studium nicht als freiwilliges Add-on behandelt werden. Sie müssen von Beginn an, über Theorie und Praxis hinweg und bis hinein in Prüfungsformen als selbstverständlicher Bestandteil professioneller Handlungskompetenz gedacht werden.

Vielen Dank für dieses Interview, Prof. Dr. med. Margrit Ebinger!


 

Mehr Infos zu..


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Tanja
Dauth

Head of Communication & Engagement

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