Herr Bauer, die PH Wien hat in einem umfassenden Prozess eine beispielhafte Tiefenintegration von Future Skills in ihr Curriculum vorgenommen. Wie ist dieser Weg entstanden?
Wir sind 2022 in einen umfassenden Entwicklungsprozess eingestiegen – zunächst ohne zu wissen, dass wir tatsächlich neue Curricula entwickeln müssen. Mit dem Hochschulrechtspaket (2023 im österreichischen Hochschulwesen, Anm. der Redaktion) wurde dann klar, dass für die Lehramtsausbildung im Bereich Primarstufe sowie für die Berufsbildung neue Studienpläne erforderlich sein würden. Insgesamt haben wir 13 Curricula neu entwickelt und eingereicht: sieben Bachelor- und sechs Mastercurricula.Wo lagen auf diesem Weg die Herausforderungen?
Die größten Hürden waren keine formalen, sondern kulturelle. Gerade in der Berufsbildung kam immer wieder die Frage auf: Wo bleiben die Fachkompetenzen? Es hat Zeit gebraucht, deutlich zu machen, dass Future Skills und Fachlichkeit kein Widerspruch sind.
Der Durchbruch kam, als gemeinsam verstanden wurde: Future Skills sind notwendig, um Fachwissen überhaupt wirksam anwenden zu können. Sie sind das Bindeglied zwischen Wissen und Handeln.
Wie ist es gelungen, Lehrende für diesen Ansatz zu gewinnen?
Wir haben niemanden überredet. Stattdessen haben wir gezeigt, dass die NextSkills-Profile helfen, die eigene Fachlichkeit sichtbar zu machen und darüber ins Gespräch zu kommen. Begriffe wie Selbstwirksamkeit, Design Thinking oder kritisches Denken eröffnen neue Reflexionsräume – für Lehrende wie für Studierende.
Ein Beispiel ist das Bachelorstudium Mode und Design. Dort wurde erstmals eine Kompetenzmatrix entwickelt, die sichtbar macht, wie sich die einzelnen Kompetenzprofile über die sechs Semester verteilen. Auf dieser Basis konnten Lücken identifiziert und das Curriculum gezielt nachjustiert werden.
Wie stellen Sie sicher, dass das Modell auch langfristig lebendig bleibt – unabhängig von personellen Wechseln?
Indem wir es nicht an Einzelpersonen binden. Studierende, Lehrende, Interessenvertretungen und externe Stakeholder waren von Beginn an eingebunden – unter anderem über Barcamps und Diskussionsformate.
Zudem ist die Nutzung des Future Skills Kompasses verbindlich im Curriculum verankert. Studierende setzen sich bereits zu Beginn des Studiums mit ihren Kompetenzen auseinander und reflektieren diese im weiteren Studienverlauf erneut. Parallel dazu arbeiten wir intensiv mit Lehrenden daran, Future Skills auch für sich selbst erfahrbar zu machen.
Welche Rolle spielen Studierende im Entwicklungsprozess?
Eine zentrale. Studierende wurden nicht nur als Lernende, sondern als Mitgestaltende eingebunden – etwa in Lehrveranstaltungen, Barcamps, Diskussionspapieren und Videoprojekten.
Für uns ist klar: Future Skills sind ein Work in Progress. Sie müssen diskutiert, weiterentwickelt und immer wieder neu ausgehandelt werden.
Was würden Sie Hochschulen raten, die erst am Anfang stehen?
Viel miteinander reden. Diskutieren. Eigene mentale Modelle hinterfragen. Und: klein anfangen, aber groß denken. Man muss nicht sofort das gesamte System umstellen – aber man sollte von Anfang an eine klare Vision haben.
Future Skills bieten einen enormen Mehrwert, insbesondere in Verbindung mit Fachkompetenzen. Kritisches Denken, Kommunikation, Kooperation oder systemisches Verständnis sind heute unverzichtbar. Das NextSkills-Modell mit den drei Ebenen Individuum, Objekt und System liefert dafür eine überzeugende Struktur.
Hat dieser Prozess auch Ihre eigene Sicht auf Hochschulentwicklung verändert?
Sehr. Es war – und ist – ein Prozess des organisationalen Lernens. Die Auseinandersetzung mit Future Skills hat nicht nur Curricula verändert, sondern auch unsere Art der Zusammenarbeit, unsere Kommunikation und unser Selbstverständnis als Hochschule.
In einer Welt voller Unsicherheiten – Klimawandel, technologische Umbrüche, gesellschaftliche Krisen – brauchen wir genau dieses Rüstzeug. Future Skills helfen, handlungsfähig zu bleiben und ein Stück Angst vor Veränderung zu verlieren.
Das Interview zeigt: Die NextSkills-Studie dient an der Pädagogischen Hochschule Wien nicht nur als theoretische Referenz, sondern als handlungsleitende Grundlage für eine zukunftsorientierte Hochschulbildung. Die konsequente curriculare Integration von Future Skills wirkt dabei strukturell, didaktisch und kulturell – und kann als Good-Practice-Beispiel für andere Hochschulen dienen.
Leiter der Forschungsgruppe und Professur für Bildungsmanagement und Lebenslanges Lernen