Future Skills ins Curriculum integrieren
Interview mit Mag. Dr. Reinhard Bauer

von Ulf-Daniel Ehlers  |  19. Dezember 2025

Interview mit Mag. Dr. Reinhard Bauer

Verantwortlich für den Bereich Berufsbildung, Pädagogische Hochschule Wien

Good Practice: Wie die PH Wien Future Skills konkret ins Curriculum bringt



Wie können Future Skills systematisch ins Curriculum verankert werden, sodass Hochschulen Studierende systematisch auf eine zunehmend komplexe, digitale und unsichere Zukunft vorbereiten?

An der Pädagogischen Hochschule Wien wurde diese Frage seit 2022 zum Ausgangspunkt einer umfassenden curricularen Neuausrichtung. Grundlage dafür bildet der NextSkills-Ansatz der internationalen Forschungsgruppe NextEducation. Sie versteht Future Skills nicht als Zusatz, sondern als tragenden Ordnungsrahmen von Studium und Lehre. Eine Herausforderung, der sich derzeit viele Hochschulen stellen. Die PH Wien steht dabei beispielhaft für eine konsequente Tiefenintegration von Future Skills in alle Module des Curriculums, der Lehre und des Prüfungswesens.

Im folgenden Interview berichtet Reinhard Bauer, wie es gelungen ist, den NextSkills-Ansatz strukturell, didaktisch und kulturell in Bachelor- und Mastercurricula zu integrieren. Er spricht über den Entwicklungsprozess, zentrale Herausforderungen, den Einbezug von Lehrenden und Studierenden sowie darüber, was andere Hochschulen daraus lernen können.

„Future Skills sind bei uns kein Add-on, sondern der Ordnungsrahmen.“



Entstehung und Entwicklungsprozess

Herr Bauer, die PH Wien hat in einem umfassenden Prozess eine beispielhafte Tiefenintegration von Future Skills in ihr Curriculum vorgenommen. Wie ist dieser Weg entstanden?

Wir sind 2022 in einen umfassenden Entwicklungsprozess eingestiegen – zunächst ohne zu wissen, dass wir tatsächlich neue Curricula entwickeln müssen. Mit dem Hochschulrechtspaket (2023 im österreichischen Hochschulwesen, Anm. der Redaktion) wurde dann klar, dass für die Lehramtsausbildung im Bereich Primarstufe sowie für die Berufsbildung neue Studienpläne erforderlich sein würden. Insgesamt haben wir 13 Curricula neu entwickelt und eingereicht: sieben Bachelor- und sechs Mastercurricula.

Von Beginn an war klar: Wir wollen kein weiteres Kompetenzstrukturmodell, das lediglich beschreibt, was Studierende können sollen. Uns ging es darum zu zeigen, wie sich Kompetenzen bei Studierenden wirklich entwickeln. Genau hier hat sich das NextSkills-Framework als ideal erwiesen, da es Kompetenzentwicklung, Niveaus und Dynamiken systematisch mitdenkt.

Was ist dabei der entscheidende Unterschied zu anderen Kompetenzmodellen?

Viele klassische Modelle arbeiten mit festen Katalogen. Das NextSkills-Framework hingegen ist offen, dynamisch und als Netzwerk gedacht. Kompetenzen stehen nicht isoliert nebeneinander, sondern wirken zusammen.

Für uns war das entscheidend, denn in der Praxis erreicht man Ziele nie mit nur einer einzelnen Kompetenz. Deshalb sprechen wir auch lieber von Kompetenzprofilen statt von Einzelkompetenzen – so wie auch im NextSkills-Framework: Auch dort wird von Future-Skills-Profilen gesprochen. Diese Profile tauchen im Studium spiralförmig immer wieder auf – auf unterschiedlichen Niveaus, aus verschiedenen Perspektiven und mit zunehmender Tiefe.

Wie genau sind die Future Skills in den Curricula verankert?

Ganz bewusst nicht additiv. Future Skills sind bei uns kein zusätzliches Modul und kein randständiges Querschnittsthema. Sie bilden den konstitutiven Ordnungsrahmen der gesamten Studienstruktur – von der Modularchitektur über die Lehrgestaltung bis hin zu Prüfungsformaten im Sinne des Constructive Alignment.

In den Modulbeschreibungen ist ausgewiesen, welche NextSkills-Profile jeweils eine zentrale Rolle spielen und wie sich diese in den Learning Outcomes widerspiegeln. Die Fachlichkeit geht dabei keineswegs verloren – im Gegenteil: Future Skills helfen, Fachkompetenzen in Handlungskompetenz zu überführen.

Wo lagen auf diesem Weg die Herausforderungen?

Die größten Hürden waren keine formalen, sondern kulturelle. Gerade in der Berufsbildung kam immer wieder die Frage auf: Wo bleiben die Fachkompetenzen? Es hat Zeit gebraucht, deutlich zu machen, dass Future Skills und Fachlichkeit kein Widerspruch sind.

Der Durchbruch kam, als gemeinsam verstanden wurde: Future Skills sind notwendig, um Fachwissen überhaupt wirksam anwenden zu können. Sie sind das Bindeglied zwischen Wissen und Handeln.

Wie ist es gelungen, Lehrende für diesen Ansatz zu gewinnen?

Wir haben niemanden überredet. Stattdessen haben wir gezeigt, dass die NextSkills-Profile helfen, die eigene Fachlichkeit sichtbar zu machen und darüber ins Gespräch zu kommen. Begriffe wie Selbstwirksamkeit, Design Thinking oder kritisches Denken eröffnen neue Reflexionsräume – für Lehrende wie für Studierende.

Ein Beispiel ist das Bachelorstudium Mode und Design. Dort wurde erstmals eine Kompetenzmatrix entwickelt, die sichtbar macht, wie sich die einzelnen Kompetenzprofile über die sechs Semester verteilen. Auf dieser Basis konnten Lücken identifiziert und das Curriculum gezielt nachjustiert werden.

Wie stellen Sie sicher, dass das Modell auch langfristig lebendig bleibt – unabhängig von personellen Wechseln?

Indem wir es nicht an Einzelpersonen binden. Studierende, Lehrende, Interessenvertretungen und externe Stakeholder waren von Beginn an eingebunden – unter anderem über Barcamps und Diskussionsformate.

Zudem ist die Nutzung des Future Skills Kompasses verbindlich im Curriculum verankert. Studierende setzen sich bereits zu Beginn des Studiums mit ihren Kompetenzen auseinander und reflektieren diese im weiteren Studienverlauf erneut. Parallel dazu arbeiten wir intensiv mit Lehrenden daran, Future Skills auch für sich selbst erfahrbar zu machen.

Welche Rolle spielen Studierende im Entwicklungsprozess?

Eine zentrale. Studierende wurden nicht nur als Lernende, sondern als Mitgestaltende eingebunden – etwa in Lehrveranstaltungen, Barcamps, Diskussionspapieren und Videoprojekten.

Für uns ist klar: Future Skills sind ein Work in Progress. Sie müssen diskutiert, weiterentwickelt und immer wieder neu ausgehandelt werden.

Was würden Sie Hochschulen raten, die erst am Anfang stehen?

Viel miteinander reden. Diskutieren. Eigene mentale Modelle hinterfragen. Und: klein anfangen, aber groß denken. Man muss nicht sofort das gesamte System umstellen – aber man sollte von Anfang an eine klare Vision haben.

Future Skills bieten einen enormen Mehrwert, insbesondere in Verbindung mit Fachkompetenzen. Kritisches Denken, Kommunikation, Kooperation oder systemisches Verständnis sind heute unverzichtbar. Das NextSkills-Modell mit den drei Ebenen Individuum, Objekt und System liefert dafür eine überzeugende Struktur.

Hat dieser Prozess auch Ihre eigene Sicht auf Hochschulentwicklung verändert?

Sehr. Es war – und ist – ein Prozess des organisationalen Lernens. Die Auseinandersetzung mit Future Skills hat nicht nur Curricula verändert, sondern auch unsere Art der Zusammenarbeit, unsere Kommunikation und unser Selbstverständnis als Hochschule.

In einer Welt voller Unsicherheiten – Klimawandel, technologische Umbrüche, gesellschaftliche Krisen – brauchen wir genau dieses Rüstzeug. Future Skills helfen, handlungsfähig zu bleiben und ein Stück Angst vor Veränderung zu verlieren.



Zusammenfassung


Das Interview zeigt: Die NextSkills-Studie dient an der Pädagogischen Hochschule Wien nicht nur als theoretische Referenz, sondern als handlungsleitende Grundlage für eine zukunftsorientierte Hochschulbildung. Die konsequente curriculare Integration von Future Skills wirkt dabei strukturell, didaktisch und kulturell – und kann als Good-Practice-Beispiel für andere Hochschulen dienen.


Prof. Dr. Ulf-Daniel
Ehlers

Leiter der Forschungsgruppe und Professur für Bildungsmanagement und Lebenslanges Lernen

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