Mit der CHE-DatenCHECK-Studie 4/2024 liegt nun ein fundierter, empirisch differenzierter Blick auf den Stand der Umsetzung von Future Skills in der deutschen Hochschullehre vor. In zwei Erhebungswellen mit über 6.400 Professor*innen wurden 19 Fächer analysiert, darunter Medizin, Informatik, Pflegewissenschaft, Politikwissenschaft, Rechtswissenschaft, VWL und viele mehr.
Die Erkenntnis: Future Skills sind im Bewusstsein angekommen – aber noch nicht in der curricularen Wirklichkeit. Es gibt ein wachsendes Bewusstsein für die Relevanz, doch die tatsächliche Integration bleibt fragmentarisch. Dies ist der Future Skills Turn – der sichtbare Wendepunkt vom Diskurs zur Umsetzung.
--> Zur CHE-Studie: CHE Hochschuldaten Future Skills
Die Ergebnisse der CHE-Studie sind sowohl ermutigend als auch ernüchternd. Sie zeigen, dass zentrale Kompetenzen wie:
von einer klaren Mehrheit der Befragten bereits stark oder sehr stark gefördert werden.
Gleichzeitig aber:
--> Die Daten zeigen deutlich: Ein Relevanz–Umsetzungs-Gap prägt den aktuellen Stand der Future Skills Integration.
Der Begriff Future Skills Turn wurde von mir bereits 2020 in meinem Buch Future Skills: Lernen der Zukunft – Hochschule der Zukunft erstmals eingeführt (SpringerLink, Kapitel 2). Ich habe dort beschrieben, wie sich ein grundlegender Perspektivwechsel abzeichnet – weg von rein inhaltsgetriebener Wissensvermittlung hin zu einer Bildung, die Menschen zur aktiven Gestaltung von Zukunft befähigt. Dieser Turn, damals eher theoretisch konturiert, beginnt sich nun auch in der Hochschulpraxis abzuzeichnen – sichtbar in empirischen Daten wie jenen des CHE und den gestiegenen Anforderungen an Transformation, Selbstverantwortung und Lernarchitektur.
Die Future Skills Debatte ist nicht mehr eine Frage des ob, sondern des wie. Das CHE liefert hierfür eine belastbare Grundlage. Drei Aufgaben drängen sich auf: Drei Aufgaben drängen sich auf:
Frameworks entstehen beinahe monatlich. Hochschulen, Lehrende und politische Entscheidungsträger brauchen Orientierung. Unsere kommende Metastudie, die über acht nationale und internationale Future Skills Frameworks hinweg vergleichend analysiert, wird genau dies leisten: Sie differenziert zentrale Cluster, identifiziert divergierende Taxonomien und bietet eine Klassifikation zur Anschlussfähigkeit an Curricula und Disziplinlogiken.
Kompetenzmodelle sind keine Plug-and-Play-Instrumente. In unserem Paper Implementing Competence Frameworks in Curricula zeigen wir, dass die Umsetzung ein dreistufiger Transformationsprozess ist:
Dieser Schritt-für-Schritt-Ansatz schützt vor einem „Curriculum-Fassadeffekt“ – und ermöglicht eine echte, tiefgreifende Integration.
Hier setzt unser Konzept der Future Skills Literacy an: eine Metakompetenz für Bildungsakteure, die Future Skills verstehen, anwenden, weiterentwickeln und kritisch reflektieren wollen.
Das Modell umfasst vier Dimensionen:
Hinzu kommt ein differenziertes Reifegradmodell, das vier Zielgruppen (Lernende, Lehrende, Leitungen, Bildungspolitik) je in vier Stufen differenziert: von not yet started bis advanced/institutionalized.
--> Future Skills Literacy ist ein Hebel für systemische Verankerung – kein neuer Katalog, sondern ein didaktischer Möglichkeitsraum.
Die politische Gestaltung ist entscheidend: Bund, Länder und Förderinstitutionen müssen den Future Skills Turn durch strategische und strukturelle Maßnahmen absichern. Dazu gehören:
Die Hochschulen müssen Future Skills zum integralen Bestandteil ihrer Bildungsarchitektur machen. Dazu braucht es:
Wissenschaftliche Akteure wie NextEducation und insbesondere die von uns 2024 mitgegründete Future Skills Alliance (www.futureskillsalliance.de) spielen eine Schlüsselrolle:
Die Alliance ist aktuell das einzige Multi-Stakeholder-Environment in Deutschland, in dem Future Skills entlang aller Bildungsbereiche (Hochschule, Schule, Kita, Berufsbildung) und Akteursperspektiven (Lernende, Politik, Praxis, Wissenschaft) gemeinsam diskutiert und weiterentwickelt werden.
Der Future Skills Turn ist eingeläutet. Die CHE-Daten zeigen: Die Relevanz ist da – der Wille zur Umsetzung ebenfalls. Doch ohne systematische Strategie, fundierte didaktische Konzepte und gezielte Qualifizierung bleibt der Wandel an der Oberfläche.
Was wir jetzt brauchen, ist nicht mehr Definitionsarbeit – sondern Gestaltungskompetenz.
Mit dem Future Skills Literacy Modell, dem dreistufigen Umsetzungsmodell für Kompetenzframeworks und der Future Skills Alliance stehen die Instrumente bereit. Jetzt ist es an der Zeit, sie gemeinsam zu nutzen – für eine Bildung, die nicht nur Wissen vermittelt, sondern Menschen befähigt, die Zukunft mitzugestalten.
Leiter der Forschungsgruppe und Professur für Bildungsmanagement und Lebenslanges Lernen