Future Skills Turn:
Wie der Wandel beginnt – und was jetzt getan werden muss

von Ulf-Daniel Ehlers  |  23. Juli 2025

1. Future Skills Turn – Wenn Relevanz nicht reicht

Mit der CHE-DatenCHECK-Studie 4/2024 liegt nun ein fundierter, empirisch differenzierter Blick auf den Stand der Umsetzung von Future Skills in der deutschen Hochschullehre vor. In zwei Erhebungswellen mit über 6.400 Professor*innen wurden 19 Fächer analysiert, darunter Medizin, Informatik, Pflegewissenschaft, Politikwissenschaft, Rechtswissenschaft, VWL und viele mehr.

Die Erkenntnis: Future Skills sind im Bewusstsein angekommen – aber noch nicht in der curricularen Wirklichkeit. Es gibt ein wachsendes Bewusstsein für die Relevanz, doch die tatsächliche Integration bleibt fragmentarisch. Dies ist der Future Skills Turn – der sichtbare Wendepunkt vom Diskurs zur Umsetzung.

--> Zur CHE-Studie: CHE Hochschuldaten Future Skills


2. CHE-Ergebnisse: Zwischen Relevanz und Realität

Die Ergebnisse der CHE-Studie sind sowohl ermutigend als auch ernüchternd. Sie zeigen, dass zentrale Kompetenzen wie:

 

  • Problemlösekompetenz (zwischen 81 % und 99 %)
  • Kritisches Denken (78 % bis 97 %)
  • Urteilsfähigkeit, Eigeninitiative, Lernkompetenz

 

von einer klaren Mehrheit der Befragten bereits stark oder sehr stark gefördert werden.

Gleichzeitig aber:

 

  • Resilienz, Digitale Ethik, Interkulturelle Kommunikation und Ambiguitätstoleranz bleiben stark fachabhängig – mit Förderquoten zwischen 20 % und 56 %, teils bei einer Wichtigkeitseinschätzung über 80 %.
  • Kollaboration wird z. B. im Fach Pflegewissenschaft von 89 %, im Fach Rechtswissenschaft nur von 18 %besonders gefördert.
  • Digitalkompetenzen wie Digitale Ethik oder Agiles Arbeiten liegen in vielen Fächern trotz hoher Relevanz im niedrigen Umsetzungsbereich.

 

--> Die Daten zeigen deutlich: Ein Relevanz–Umsetzungs-Gap prägt den aktuellen Stand der Future Skills Integration.

 

3. Der Future Skills Turn – Was jetzt notwendig ist

Der Begriff Future Skills Turn wurde von mir bereits 2020 in meinem Buch Future Skills: Lernen der Zukunft – Hochschule der Zukunft erstmals eingeführt (SpringerLink, Kapitel 2). Ich habe dort beschrieben, wie sich ein grundlegender Perspektivwechsel abzeichnet – weg von rein inhaltsgetriebener Wissensvermittlung hin zu einer Bildung, die Menschen zur aktiven Gestaltung von Zukunft befähigt. Dieser Turn, damals eher theoretisch konturiert, beginnt sich nun auch in der Hochschulpraxis abzuzeichnen – sichtbar in empirischen Daten wie jenen des CHE und den gestiegenen Anforderungen an Transformation, Selbstverantwortung und Lernarchitektur.

Die Future Skills Debatte ist nicht mehr eine Frage des ob, sondern des wie. Das CHE liefert hierfür eine belastbare Grundlage. Drei Aufgaben drängen sich auf: Drei Aufgaben drängen sich auf:

3.1. Welche Future Skills? – Orientierungsnot in der Vielfalt

Frameworks entstehen beinahe monatlich. Hochschulen, Lehrende und politische Entscheidungsträger brauchen Orientierung. Unsere kommende Metastudie, die über acht nationale und internationale Future Skills Frameworks hinweg vergleichend analysiert, wird genau dies leisten: Sie differenziert zentrale Cluster, identifiziert divergierende Taxonomien und bietet eine Klassifikation zur Anschlussfähigkeit an Curricula und Disziplinlogiken.

3.2. Wie integriert man Future Skills in die Lehre? – Ein dreistufiger Pfad

Kompetenzmodelle sind keine Plug-and-Play-Instrumente. In unserem Paper Implementing Competence Frameworks in Curricula zeigen wir, dass die Umsetzung ein dreistufiger Transformationsprozess ist:

 

  1. Interpretieren als Referenzmodell: Lehrende müssen die Konzepte und Visionen eines Frameworks tief verstehen, kritisch reflektieren und pädagogisch einordnen.
  2. Kontextualisieren für das eigene Fach: Kompetenzen müssen disziplin- und professionsspezifisch operationalisiert werden (z. B. „Kommunikation in der Pflegepraxis“ statt „Kommunikationskompetenz“).
  3. Lernarchitekturen gestalten: Future Skills müssen in Lernprozesse eingebettet werden – über Projektarbeit, Challenge-Based Learning, Simulationen oder partizipative Formate.

 

Dieser Schritt-für-Schritt-Ansatz schützt vor einem „Curriculum-Fassadeffekt“ – und ermöglicht eine echte, tiefgreifende Integration.

3.3. Was brauchen Lehrende? – Literacy statt Rezeptpädagogik

Hier setzt unser Konzept der Future Skills Literacy an: eine Metakompetenz für Bildungsakteure, die Future Skills verstehen, anwenden, weiterentwickeln und kritisch reflektieren wollen.

Das Modell umfasst vier Dimensionen:

 

  • Wissen über Future Skills (informativ & instrumentell)
  • Anwendungserfahrung (mit Rückkopplung & Prozessverständnis)
  • Innovative Weiterentwicklung (kreative Adaption & Modellbildung)
  • Reflexion (Diskursanalyse & strategische Selbstausrichtung)

 

Hinzu kommt ein differenziertes Reifegradmodell, das vier Zielgruppen (Lernende, Lehrende, Leitungen, Bildungspolitik) je in vier Stufen differenziert: von not yet started bis advanced/institutionalized.

--> Future Skills Literacy ist ein Hebel für systemische Verankerung – kein neuer Katalog, sondern ein didaktischer Möglichkeitsraum.


4. Empfehlungen – Wer jetzt was tun muss

4.1. Politik

Die politische Gestaltung ist entscheidend: Bund, Länder und Förderinstitutionen müssen den Future Skills Turn durch strategische und strukturelle Maßnahmen absichern. Dazu gehören:

 

  • Langfristige Förderlinien und Innovationsfonds für Future Skills Programme.
  • Integration in Zielvereinbarungen mit Hochschulen, Akkreditierungskriterien und hochschulpolitische Entwicklungspläne.
  • Aufbau von Kompetenzzentren an Hochschulen, die Future Skills Integration in Curricula, Prüfungsdesign und Lehre wissenschaftlich und praktisch begleiten.

 

4.2. Hochschulen

Die Hochschulen müssen Future Skills zum integralen Bestandteil ihrer Bildungsarchitektur machen. Dazu braucht es:

 

  • Curriculare Transformation: Integration von Future Skills als Querschnittsziele in Studiengangs- und Modulhandbücher.
  • Didaktische Erneuerung: Aufbau von Lernarchitekturen, die reflexives, kollaboratives, problembasiertes und challenge-orientiertes Lernen fördern.
  • Strukturelle Absicherung: Einrichtung von Future Skills Labs, Begleitprogrammen für Lehrende, systematische Verankerung in der Qualitätssicherung.

 

4.3 Wissenschaft & Praxis – NextEducation & Future Skills Alliance

Wissenschaftliche Akteure wie NextEducation und insbesondere die von uns 2024 mitgegründete Future Skills Alliance (www.futureskillsalliance.de) spielen eine Schlüsselrolle:

Die Alliance ist aktuell das einzige Multi-Stakeholder-Environment in Deutschland, in dem Future Skills entlang aller Bildungsbereiche (Hochschule, Schule, Kita, Berufsbildung) und Akteursperspektiven (Lernende, Politik, Praxis, Wissenschaft) gemeinsam diskutiert und weiterentwickelt werden.


 

Artikelinhalte

 

  • Wir koordinieren Forschungsprojekte, bieten Transferformate und entwickeln internationale Vergleichsstudien.
  • Wir bauen Brücken zwischen Theorie, politischer Gestaltung und Bildungsinnovation – mit dem Ziel: Handlungsfähigkeit im Wandel zu ermöglichen.

 

4. Fazit

Der Future Skills Turn ist eingeläutet. Die CHE-Daten zeigen: Die Relevanz ist da – der Wille zur Umsetzung ebenfalls. Doch ohne systematische Strategie, fundierte didaktische Konzepte und gezielte Qualifizierung bleibt der Wandel an der Oberfläche.

Was wir jetzt brauchen, ist nicht mehr Definitionsarbeit – sondern Gestaltungskompetenz.

Mit dem Future Skills Literacy Modell, dem dreistufigen Umsetzungsmodell für Kompetenzframeworks und der Future Skills Alliance stehen die Instrumente bereit. Jetzt ist es an der Zeit, sie gemeinsam zu nutzen – für eine Bildung, die nicht nur Wissen vermittelt, sondern Menschen befähigt, die Zukunft mitzugestalten.

 

Literatur und Quellenverweise

🔹 CHE-DatenCHECK-Studie

 

 

🔹 Einführung des Begriffs „Future Skills Turn“

 

 

🔹 Umsetzung von Kompetenzmodellen

 

  • Ehlers, Ulf-Daniel et al. (2025): Implementing Competence Frameworks in Curricula: A Stepwise Approach. (Unveröffentlichte Manuskriptvorlage / NextEducation Working Paper)

 

🔹 Future Skills Literacy Konzept

 

 

🔹 Vergleichsstudie zu Future Skills Frameworks (Ankündigung)

 

 

Prof. Dr. Ulf-Daniel
Ehlers

Leiter der Forschungsgruppe und Professur für Bildungsmanagement und Lebenslanges Lernen

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