Future Skills
Old Wine in New Bottles oder ein echter Paradigmenwechsel?

von  |  23. Mai 2025

In einer sich rasant wandelnden Welt, in der technologische Entwicklungen, gesellschaftliche Transformationen und globale Krisen unseren Alltag prägen, wächst der Ruf nach neuen Kompetenzen – den sogenannten „Future Skills“. Doch was ist wirklich neu an diesem Begriff? Handelt es sich um ein substanzreiches Konzept für eine neue Bildungsära oder nur um alten Wein in neuen Schläuchen?

Der Ausdruck "Old Wine, New Bottles", der als Metapher aus dem Jazz stammt, steht hier sinnbildlich: Gil Evans’ gleichnamiges Album aus dem Jahr 1958 zeigt, wie Altbekanntes durch neue Arrangements frisch klingen kann. Genau diese Frage stellt sich auch im Bildungsdiskurs: Was macht Future Skills besonders? Was unterscheidet sie von Schlüsselqualifikationen, Soft Skills oder generischen Kompetenzen, die schon seit den 1990er Jahren diskutiert werden?

Definition und Konzept: Was sind Future Skills?


Future Skills sind jene Kompetenzen, die Menschen dazu befähigen, in hochemergenten, unvorhersehbaren Situationen handlungsfähig zu bleiben – vor allem durch Selbstorganisation. Damit unterscheiden sie sich deutlich von klassischen Qualifikationen, die primär auf Fachwissen oder technische Fertigkeiten setzen.

Zwei Denkschulen prägen den aktuellen Diskurs:

  1. Additiv-erweiternde Sichtweise – versteht Future Skills als Zusatz zum bestehenden Curriculum, beispielsweise durch digitale oder kommunikative Kompetenzen.
  2. Integrativ-transformatives Verständnis – betrachtet Future Skills als integralen Bestandteil von Bildung selbst. Hier geht es nicht um mehr Inhalte, sondern um andere Lernprozesse.

Die NextSkills-Initiative folgt klar dem zweiten Weg: Future Skills als handlungsorientierte Dispositionen, die Menschen in komplexen Situationen zur selbstverantwortlichen Entscheidung und Innovation befähigen.

Bildung, Lernen und Selbstorganisation: Die theoretische Fundierung


Future Skills stehen in engem Zusammenhang mit einer subjektzentrierten Bildungsauffassung. Aufbauend auf Theorien von u.a. Klaus Holzkamp wird Lernen als intentionaler, eigenaktiver Prozess verstanden, bei dem das Subjekt seine Welt selbst erschließt. Bildung wird dabei nicht als reine Wissensaufnahme gesehen, sondern als dreifaches Verhältnis:

  • zum Selbst (z. B. Selbstreflexion, Autonomie),
  • zu einem Gegenstand (z. B. Fachkompetenz) und
  • zur Umwelt (z. B. soziale Verantwortung).

Diese Pole wirken wechselseitig aufeinander. Erst durch das Prinzip der Selbstorganisation – ursprünglich aus der Physik stammend und durch Heinrich Haken und John Erpenbeck auf Bildung übertragen – wird dieser Dreiklang dynamisch. Selbstorganisation fungiert dabei als vierte, metadimensionale Kategorie. Selbstorganisation wird in diesem Kontext als eine vierte, metadimensionale Kategorie betrachtet. Das bedeutet, dass Selbstorganisation nicht einfach eine weitere Kompetenz neben den anderen ist, sondern eine übergreifende Fähigkeit, die:

  • Die Art und Weise beeinflusst, wie die drei Dimensionen miteinander in Beziehung treten und sich entwickeln.
  • Es dem Individuum ermöglicht, in offenen, unbekannten und komplexen Situationen selbstgesteuert und kreativ zu handeln.
  • Als Disposition zur Selbstorganisation verstanden wird.
  • Die drei Pole des Bildungsbegriffes beeinflusst und deren Inhalt verändert. In Bezug auf die subjektive Dimension führt Selbstorganisation zu Selbstbestimmung und Autonomie, in Bezug auf die Objekte zu weniger vorgegebenen Bildungsinhalten und in Bezug auf Organisationen zu einem geringeren Einfluss hierarchischer Strukturen.

Forschung und Kritik: Was sagen die Studien?


Ein Blick auf die Forschungslage zeigt: Die Diskussion um Future Skills reiht sich in eine lange Reihe internationaler Initiativen ein – von „21st Century Skills“ über „Graduate Attributes“ bis hin zur „Employability-Forschung“.

Doch es gibt Kritik:

  • Viele Modelle bleiben auf der Ebene von Checklisten.
  • Eine fundierte kompetenztheoretische Einbettung fehlt häufig.
  • Die Lücke zwischen Hochschulcurricula und Arbeitsmarktanforderungen – das sogenannte „implementation gap“ – bleibt bestehen.

Studien wie jene von Rigby et al. (2009), Osmani et al. (2015) oder die NextSkills-Metaanalyse zeigen: Es braucht mehr als nur neue Begriffe. Es braucht ein systemisches Verständnis von Bildung, das Persönlichkeitsentwicklung, Werte, Einstellungen und Kontext berücksichtigt – und genau das bietet der Future Skills Ansatz.

Future Skills als Identitätsbildung


Ein vielversprechender Forschungszweig sieht Future Skills nicht nur als Kompetenzbündel, sondern als Teil der Identitätsbildung von Lernenden. In Anlehnung an Bourdieu wird dabei auch der soziale und kulturelle Kontext (Habitus, Kapitalformen) einbezogen. Future Skills sind somit nicht nur funktionale Werkzeuge, sondern Ausdruck einer neuen Haltung zur Welt, zur Arbeit und zu sich selbst.

Fazit: Was macht Future Skills wirklich neu?


Future Skills sind keine simple Fortsetzung alter Bildungsverständnisse, sondern markieren einen qualitativen Wandel. Sie brechen mit rein stofflich orientierten Lehrmodellen und rücken das Subjekt, seine Autonomie und seine Gestaltungskraft in den Mittelpunkt. Future Skills sind also weniger „neuer Wein in alten Schläuchen“, sondern ein neuer Wein in einem neuen Glas – frisch eingeschenkt und bereit, das Bildungssystem zu verändern.

Auf www.nextskills.org finden sich vertiefende Inhalte, Studienergebnisse und praxisnahe Impulse für Hochschulen, Unternehmen und Bildungspolitik.

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