In einer sich rasant wandelnden Welt, in der technologische Entwicklungen, gesellschaftliche Transformationen und globale Krisen unseren Alltag prägen, wächst der Ruf nach neuen Kompetenzen – den sogenannten „Future Skills“. Doch was ist wirklich neu an diesem Begriff? Handelt es sich um ein substanzreiches Konzept für eine neue Bildungsära oder nur um alten Wein in neuen Schläuchen?
Der Ausdruck "Old Wine, New Bottles", der als Metapher aus dem Jazz stammt, steht hier sinnbildlich: Gil Evans’ gleichnamiges Album aus dem Jahr 1958 zeigt, wie Altbekanntes durch neue Arrangements frisch klingen kann. Genau diese Frage stellt sich auch im Bildungsdiskurs: Was macht Future Skills besonders? Was unterscheidet sie von Schlüsselqualifikationen, Soft Skills oder generischen Kompetenzen, die schon seit den 1990er Jahren diskutiert werden?
Future Skills sind jene Kompetenzen, die Menschen dazu befähigen, in hochemergenten, unvorhersehbaren Situationen handlungsfähig zu bleiben – vor allem durch Selbstorganisation. Damit unterscheiden sie sich deutlich von klassischen Qualifikationen, die primär auf Fachwissen oder technische Fertigkeiten setzen.
Zwei Denkschulen prägen den aktuellen Diskurs:
Die NextSkills-Initiative folgt klar dem zweiten Weg: Future Skills als handlungsorientierte Dispositionen, die Menschen in komplexen Situationen zur selbstverantwortlichen Entscheidung und Innovation befähigen.
Future Skills stehen in engem Zusammenhang mit einer subjektzentrierten Bildungsauffassung. Aufbauend auf Theorien von u.a. Klaus Holzkamp wird Lernen als intentionaler, eigenaktiver Prozess verstanden, bei dem das Subjekt seine Welt selbst erschließt. Bildung wird dabei nicht als reine Wissensaufnahme gesehen, sondern als dreifaches Verhältnis:
Diese Pole wirken wechselseitig aufeinander. Erst durch das Prinzip der Selbstorganisation – ursprünglich aus der Physik stammend und durch Heinrich Haken und John Erpenbeck auf Bildung übertragen – wird dieser Dreiklang dynamisch. Selbstorganisation fungiert dabei als vierte, metadimensionale Kategorie. Selbstorganisation wird in diesem Kontext als eine vierte, metadimensionale Kategorie betrachtet. Das bedeutet, dass Selbstorganisation nicht einfach eine weitere Kompetenz neben den anderen ist, sondern eine übergreifende Fähigkeit, die:
Ein Blick auf die Forschungslage zeigt: Die Diskussion um Future Skills reiht sich in eine lange Reihe internationaler Initiativen ein – von „21st Century Skills“ über „Graduate Attributes“ bis hin zur „Employability-Forschung“.
Doch es gibt Kritik:
Studien wie jene von Rigby et al. (2009), Osmani et al. (2015) oder die NextSkills-Metaanalyse zeigen: Es braucht mehr als nur neue Begriffe. Es braucht ein systemisches Verständnis von Bildung, das Persönlichkeitsentwicklung, Werte, Einstellungen und Kontext berücksichtigt – und genau das bietet der Future Skills Ansatz.
Ein vielversprechender Forschungszweig sieht Future Skills nicht nur als Kompetenzbündel, sondern als Teil der Identitätsbildung von Lernenden. In Anlehnung an Bourdieu wird dabei auch der soziale und kulturelle Kontext (Habitus, Kapitalformen) einbezogen. Future Skills sind somit nicht nur funktionale Werkzeuge, sondern Ausdruck einer neuen Haltung zur Welt, zur Arbeit und zu sich selbst.
Future Skills sind keine simple Fortsetzung alter Bildungsverständnisse, sondern markieren einen qualitativen Wandel. Sie brechen mit rein stofflich orientierten Lehrmodellen und rücken das Subjekt, seine Autonomie und seine Gestaltungskraft in den Mittelpunkt. Future Skills sind also weniger „neuer Wein in alten Schläuchen“, sondern ein neuer Wein in einem neuen Glas – frisch eingeschenkt und bereit, das Bildungssystem zu verändern.
Auf www.nextskills.org finden sich vertiefende Inhalte, Studienergebnisse und praxisnahe Impulse für Hochschulen, Unternehmen und Bildungspolitik.