„Kreative Maschinen, inkompetente Menschen?“
Warum wir die falschen Fragen stellen, wenn es um KI und Bildung geht... (a critical viewpoint)

von Ulf-Daniel Ehlers  |  06. Mai 2025

In der Diskussion um künstliche Intelligenz in der Bildung kreisen wir um eine Illusion: die Idee, dass Maschinen denken, verstehen, kreativ sein können – und der Mensch bloß Schritt halten muss. Doch in Wahrheit ist es umgekehrt: Nicht die KI fordert uns heraus, sondern unser eigenes Bildungsverständnis. Höchste Zeit, das Narrativ umzudrehen.

Künstliche Intelligenz: Zwischen Genie und Generator


Künstliche Intelligenz kann dichten. Sie kann komponieren. Sie malt Bilder, entwickelt Geschäftsmodelle, schreibt Bewerbungsschreiben – manche besser als der Mensch. In Kreativitätstests übertrifft sie inzwischen regelmäßig ihre menschlichen Pendants. ChatGPT schlägt sich im „Alternative Uses Test“ beachtlich, Midjourney visualisiert unvorstellbare Ideen, AlphaGo besiegte die besten Spieler nicht durch Rechenleistung, sondern durch überraschende, regelbrechende Züge.

Ist das nicht Kreativität?

Nein, sagen viele. Denn KI hat kein Bewusstsein, kein Selbst, keine Absicht. Sie schöpft aus Daten – nicht aus Bedeutung. Aber vielleicht ist das der falsche Maßstab. Vielleicht sollten wir nicht fragen, ob KI kreativ ist, sondern was es mit unserer Kreativität macht, wenn Maschinen kreativ erscheinen.

Die eigentliche Provokation: Was, wenn wir die inkompetente Seite der Mensch-Maschine-Beziehung sind?


Die aktuelle Bildungsdebatte läuft Gefahr, KI als technisches Phänomen zu behandeln: Man müsse sie „verstehen“, „nutzen“, „integrieren“. Alles nützliche Schlagworte – aber sie greifen zu kurz. Die eigentliche Herausforderung ist nicht technologisch, sondern kulturell, ethisch und epistemisch.

Die empirische AIComp-Studie (www.ai-comp.org) zeigt eindrücklich, dass Menschen die Bedeutung von KI-Kompetenzen durchaus erkennen – aber kaum Erfahrung damit haben. Die Diskrepanz zwischen Relevanz und Realität ist eklatant. Und vor allem: Die Studie weist nach, dass die wichtigsten Fähigkeiten weit über technische Skills hinausgehen. Gefordert sind:

  • kritisch-reflexive Urteilskraft
  • Ambiguitätstoleranz
  • kreative Gestaltungskompetenz
  • ethisches Abwägen in komplexen Kontexten
  • digitale Souveränität

Das sind keine „nice to haves“, sondern die eigentlichen Future Skills. Und sie sind nicht automatisierbar.

Ethik – der blinde Fleck der KI-Revolution


Zwischen der Faszination für technologische Möglichkeiten und der Angst vor Kontrollverlust droht eine Dimension zu verschwinden, die alles andere zusammenhält: Ethik.

Während Algorithmen immer häufiger Entscheidungen vorbereiten – über Kreditvergaben, Bewerbungsverfahren, medizinische Diagnosen – bleibt oft unklar: Wer übernimmt Verantwortung?

KI ist nicht neutral. Sie verkörpert Weltbilder – bewusst oder unbewusst. Jede Anwendung, jede Datenbasis, jedes Modell spiegelt soziale Normen, implizite Machtverhältnisse, historische Verzerrungen.

Deshalb ist ethisches Denken kein Add-on, sondern die zentrale Kompetenz in einer KI-durchdrungenen Welt.

Nicht als moralischer Zeigefinger, sondern als Fähigkeit, zwischen Möglichkeit und Legitimität zu unterscheiden. Die Frage ist nicht, was KI kann, sondern was wir mit ihr tun sollten. Und: Wer das entscheidet.

Diese ethische Urteilskraft lässt sich nicht automatisieren – sie muss gebildet werden.

Wenn KI kreativ wird – was heißt das für den Menschen?


Die Maschinen schreiben Gedichte. Was schreiben wir? Wenn Algorithmen Sinnhaftes erzeugen, müssen wir lernen, Sinn zu deuten. Die kreative KI ist keine Konkurrenz – sondern eine Einladung. Nicht zum Technikverständnis, sondern zur Selbstvergewisserung.

Wir brauchen Bildung, die nicht auf Verwaltbarkeit, sondern auf Verunsicherung zielt. Auf Menschen, die nicht nur wissen, wie ein Algorithmus funktioniert, sondern die fragen: Sollten wir ihn überhaupt anwenden? Wem dient er? Wem schadet er? Was bleibt, wenn wir delegieren, was wir einst selbst gedacht haben?

Future Skills: Kompetenzen für eine Welt mit denkenden Maschinen


Das AIComp-Kompetenzmodell (www.ai-comp.org) stellt dafür die richtigen Fragen. Es versteht Kompetenzen nicht als isolierte Skills, sondern als ganzheitliche Handlungsdispositionen – verankert im Menschen, eingebettet in Werte, gewachsen in Erfahrung. Nicht das Bedienen von Tools steht im Vordergrund, sondern das Gestalten von Situationen, das Verhandeln von Bedeutung.

Diese Haltung macht einen fundamentalen Unterschied: Wer KI lediglich „versteht“, kann sie effizient einsetzen. Wer sie kritisch-reflexiv nutzt, kann sie verantwortungsvoll gestalten. Das ist nicht dasselbe.

Und genau hier liegt der disruptive Gedanke: Vielleicht müssen nicht Maschinen kreativ werden – sondern wir endlich wieder.

Eine andere Bildung für eine post-digitale Welt


Die wahre Revolution ist nicht, dass KI schreiben, zeichnen oder sprechen kann. Die wahre Revolution ist, dass wir begreifen müssen, was Menschsein im Angesicht technischer Intelligenz bedeutet.

Bildung ist keine Anwendungsanleitung für Tools. Bildung ist ein Ermöglichungsraum für Weltverhältnisse. Für Widerstand. Für Staunen. Für Perspektivwechsel. Für das, was Maschinen nicht können – und vielleicht nie können werden: Verantwortung spüren. Leiden. Lieben. Widersprechen.

Fazit: Vom Funktionieren zum Gestalten


Wenn wir KI in die Bildung bringen, ohne Bildung in die KI-Debatte zu bringen, verlieren wir das Wichtigste: den Menschen als handelndes, fühlendes, verantwortliches Subjekt. Nicht die KI verändert die Welt – wir tun es. Oder wir lassen es geschehen.

Die Wahl liegt bei uns.


Weiterführende Informationen: 🔍 www.nextskills.org – Das Kompetenzmodell für eine KI-durchdrungene Welt www.ai-comp.eu – Empirische Daten und Studien zur KI-Kompetenz www.ulf-ehlers.net – Impulse zur Bildung von morgen

Prof. Dr. Ulf-Daniel
Ehlers

Leiter der Forschungsgruppe und Professur für Bildungsmanagement und Lebenslanges Lernen

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