(Erkunde 17 Future Skills Profile im Future Skills Finder: https://nextskills.org/de/playground/future-skills-finder/)
In der Debatte um Future Skills scheint es oft ein Missverständnis zu geben, dass diese als Persönlichkeitseigenschaften oder Traits betrachtet werden, jüngst auch hier im Beitrag von Pietzonka 2024 thematisiert: https://www.researchgate.net/publication/383931336_Personlichkeitseigenschaften_als_Lernziele_und_Future_Skills_Der_problematische_Trend_von_Kompetenzen_zu_dispositionalen_Eigenschaften). Sind sie es also?
In der Literatur ist diese Frage bereits gut besprochen. John Erpenbeck (2012) bespricht dieses Thema ganz explizit in seinem sehr lesenswerten Beitrag „Sind Kompetenzen Persönlichkeitseigenschaften?“ und betont, dass Kompetenzen keine Persönlichkeitseigenschaften, sondern Fähigkeiten im Sinne von Handlungskompeztenzen sind (https://www.steinbeis-sibe.de/wp-content/uploads/2021/08/SIBE_Kompetenz_Festschrift_Erpenbeck.pdf). Sind Future Skills wie Ambiguitätskompetenz aber nun Persönlichkeitseigenschaften oder Handlungskompetenzen? Hier ist es wichtig, Klarheit zu schaffen.
Die Missverständnisse resultieren oft aus einer oberflächlichen Betrachtung von Future Skills als Sammlung von wenig definierten oder beschriebenen Schlagwörtern. Es ist jedoch entscheidend, Future Skills nicht nur als Liste von Begriffen, sondern als klar definierte Kompetenzen zu verstehen, die auf einer (bildungs- und kompetenz-)theoretischen Grundlage basieren. Das Triple-Helix-Modell (https://www.researchgate.net/publication/339923309_Das_Future_Skills_Triple_Helix-Modell_der_Handlungsfahigkeit_in_emergenten_Praxiskontexten) beispielsweise bietet eine strukturierte Grundlage, um Future Skills in drei Kompetenzfeldern (individuell-entwicklungsbezogen, objektbezogen, organisationsbezogen) zu kategorisieren. Ambiguitätskompetenz gehört dabei zu den individuell-entwicklungsbezogenen Kompetenzen, die durch Reflexion und Erfahrung entwickelt werden können.
Ein zentraler Kritikpunkt, (auch von Pietzonka (2024) gegenüber Future Skills geäußert), ist die vermeintliche Verwischung von Kompetenzen und Persönlichkeitseigenschaften. In seiner Argumentation führt Pietzonka (2024) an, dass einige Future Skills fälschlicherweise (unveränderliche) Persönlichkeitseigenschaften (Traits) darstellen. Dieser Kritikpunkt weist auf die Notwendigkeit hin, Future Skills klar und präzise zu definieren, um Missverständnisse und Unklarheiten zu vermeiden.
Die Kritik ist für die Future Skills Forschung von Bedeutung, da sie zeigt, wie wichtig eine fundierte theoretische Grundlage ist. Ansätze, die kompetenztheoretisch fundiert sind, unterscheiden sich in diesem Punkt jedoch deutlich von weniger differenzierten Konzepten. Kompetenzen, wie sie in der Kompetenzforschung seit Jahrzehnten definiert werden (Erpenbeck & Sauter, 2007 und auch die oben zitierte Schrift von 2012), sind erlernbar, handlungsbezogen und kontextspezifisch – und genau so werden sie auch in Ansätzen wie dem Triple-Helix-Modell des NextSkills Modells für Future Skills konstruiert (Ehlers, 2020).
Die Kritik trifft nicht auf Ansätze zu, die Future Skills als handlungsbezogene Kompetenzen verstehen. Nehmen wir beispielsweise die Ambiguitätskompetenz. In seinem Beitrag kritisiert Pietzonka (2024) die zunehmende Integration von ambiguitätsbezogenen Konstrukten, wie Ambiguitätstoleranz, in die Future-Skills-Debatte. Er argumentiert, dass Ambiguitätstoleranz und ähnliche Konzepte oft als stabile, dispositionale Eigenschaften betrachtet werden, die nicht oder nur begrenzt durch Bildungsprozesse veränderbar sind (hier nachzulesen: https://www.researchgate.net/publication/383931336_Personlichkeitseigenschaften_als_Lernziele_und_Future_Skills_Der_problematische_Trend_von_Kompetenzen_zu_dispositionalen_Eigenschaften).
Er hebt hervor, dass viele sogenannte Future Skills, einschließlich Ambiguitätskompetenz, fälschlicherweise als erlernbare Zustände ("States") klassifiziert werden, obwohl sie in Wirklichkeit oft dispositionale Merkmale ("Traits") mit geringer Veränderlichkeit darstellen. Pietzonka sieht darin ein Missverständnis in der Future-Skills-Debatte und kritisiert Bildungsangebote, die versprechen, solche Eigenschaften systematisch zu entwickeln. Für Ambiguitätskompetenz betont er insbesondere die Schwierigkeit, die emotionalen und normativen Aspekte solcher Merkmale durch Lehrveranstaltungen oder Trainings substanziell zu beeinflussen (ebenda).
Ambiguitätskompetenz ist definiert als „Ambiguitätskompetenz ist die Fähigkeit, Vieldeutigkeit, Heterogenität und Unsicherheit zu erkennen, zu verstehen und produktiv gestaltend damit umgehen zu können sowie in unterschiedlichen und auch konfligierenden Rollen agieren zu können.“ (Ehlers 2020, S. 77 online hier: https://link.springer.com/content/pdf/10.1007/978-3-658-29297-3_5.pdf). Pietzonka sieht hier möglicherweise ein Trait, also eine relativ stabile Persönlichkeitseigenschaft. Kompetenztheoretisch fundierte Future Skills-Ansätze hingegen verstehen Ambiguitätskompetenz als Fähigkeit, in unterschiedlichen Kontexten mit widersprüchlichen Rollenerwartungen umzugehen und diese produktiv zu managen. Diese Fähigkeit ist nicht angeboren oder unveränderlich, sondern entwickelbar – etwa durch Reflexion, Erfahrung und Training.
Ambiguitätskompetenz ist ein gutes Beispiel dafür, wie Future Skills aus einer Kompetenzperspektive verstanden werden können. Während Resilienz tatsächlich stärker in den Bereich der Persönlichkeit fällt (aber auch nicht ausschließlich, sondernd durchaus durch Lernen gestärkt werden kann) und kein Future Skill im engeren Sinne ist, liegt der Fokus bei kompetenzorientierten Future Skills darauf, Fähigkeiten zu fördern, die Handlungen in komplexen Situationen ermöglichen.
(Erkunde 17 Future Skills Profile im Future Skills Finder: https://nextskills.org/de/playground/future-skills-finder/)
Die Diskussion zeigt, dass die Future Skills-Konzepte klar(er) zwischen Persönlichkeitseigenschaften (Traits) und Hanldungskompetenzen differenzieren muss. Kompetenzen wie Ambiguitätskompetenz oder Kollaborationsfähigkeit sind zentral für die Lebenswelt der Zukunft, weil sie Individuen ermöglichen, in dynamischen und unvorhersehbaren Situationen zu agieren. Sie sind keine festgelegten Persönlihckeitseigenschaften, sondern können durch Bildungsprozesse gezielt gefördert werden.
Die Kritik von Pietzonka sollte daher als Anstoß verstanden werden, die theoretische Fundierung von Future Skills noch deutlicher zu kommunizieren. Ansätze, die eine fundierte Bildungs- und Kompetenztheorie zugrunde legen, zeigen, dass Future Skills keine bloße Ansammlung von Schlagwörtern sind, sondern ein integriertes Konzept für die Bildung der Zukunft. Dies ist essenziell, um eine praxisnahe und differenzierte Kompetenzförderung zu gewährleisten.
Die Future Skills Forschung steht vor der Herausforderung, Begriffe klar zu definieren und ihre Ansätze theoretisch zu untermauern. Kompetenzbasierte Modelle bieten eine fundierte Grundlage, um Fähigkeiten wie Ambiguitätskompetenz als lernbare und handlungsorientierte Skills zu etablieren. Die Kritik, Future Skills seien Persönlichkeitsmerkmale, verfehlt solche Modelle und verdeutlicht vielmehr die Notwendigkeit einer präzisen Kommunikation. Future Skills sind, kompetenztheoretisch verstanden, keine Traits – sondern die Schlüssel für eine zukunftsfähige Bildung, Lebens- und Arbeitswelt.
Mehr zu Future Skills hier: https://nextskills.org
Leiter der Forschungsgruppe und Professur für Bildungsmanagement und Lebenslanges Lernen