Die Sorge ist berechtigt: Kinder und Jugendliche können unter problematischer Social-Media-Nutzung leiden – Schlaf, Konzentration und psychisches Wohlbefinden sind sensible Größen. Neue Daten des WHO-Regionalbüros für Europa zeigen z. B. einen Anstieg problematischer Social-Media-Nutzung von 7 % (2018) auf 11 % (2022) (WHO Regional Office for Europe, 2024). Weltgesundheitsorganisation+1 Gleichzeitig bleibt die Forschungslage insgesamt heterogen; viele Studien berichten assoziative, nicht kausale Zusammenhänge (Santos et al., 2023; WHO Regional Office for Europe, 2025). BioMed CentralWeltgesundheitsorganisation
Vor diesem Hintergrund fordern manche Stimmen harte Altersgrenzen („unter 13 verboten“). Die Leopoldinaargumentiert hier vorsorgelogisch – empfiehlt also Schutz auch bei Unsicherheit – und nennt zugleich ein Bündelkonkreter, schnell umsetzbarer Maßnahmen: kindgerechte Standardeinstellungen, Begrenzung suchterzeugender Designs (Autoplay, Push, Endless Scroll), altersgerechte Empfehlungssysteme, systematische Aufklärung und bessere Eltern-Features – vorzugsweise europarechtlich verankert (Leopoldina, 2025). leopoldina.org Die EU-Kommission hat dazu mit den DSA-Leitlinien zum Schutz von Minderjährigen (14.07.2025) einen wichtigen Orientierungsrahmen veröffentlicht: safer-by-design-Defaults, Risikoprüfungen zu „süchtigmachenden“ Mechaniken, strengere Profiling-/Werbepraktiken, Transparenzpflichten und Aufsicht durch das European Board for Digital Services (European Commission, 2025). Digitale Strategie Europasmerlin.obs.coe.intTaylor Wessing
Aktuelle Daten deuten also auf mehr problematische Nutzung und Risiken hin; die Evidenzlage bleibt jedoch heterogen und oft nur assoziativ (Santos et al., 2023; WHO Regional Office for Europe, 2024, 2025). Genau das nährt die politische Versuchung, mit Altersgrenzen schnelle Gewissheiten zu erzeugen. Doch Alterskontrollen sind technisch leicht zu umgehen, datenschutzrechtlich heikel (fehleranfällige Verfahren, potenzielle Over-/Under-blocking-Effekte) und sozial nicht neutral – und sie lenken vom eigentlichen Hebel ab: Bildung und Gestaltung (Meineck, 2025). BioMed CentralWeltgesundheitsorganisation+1netzpolitik.org
Kernpunkt: Verbote können Symptome dämpfen, heilen aber nicht, was Bildungspolitik über Jahre versäumt hat. Wenn wir Kindern und Jugendlichen nicht systematisch beibringen, Nutzung und Nicht-Nutzung kompetent zu balancieren, Aufmerksamkeit zu steuern, Prioritäten zu setzen und digitale Räume kreativ wie kritisch zu nutzen, bleibt das Problem bestehen – nur verlagert. Verbote werden dann zum Symbol eines pädagogischen Rückzugs, einer Bankrotterklärung der Bildungspolitik. Medienkompetenz umfasst ausdrücklich Nichtnutzungskompetenz (bewusstes Weglegen), kritische Reflexion, kreative Gestaltung und soziale Selbstregulation – das sind Future Skills par excellence (Meineck, 2025; Ehlers, 2019). netzpolitik.org
Future Skills markieren den Übergang von reiner Wissensvermittlung hin zu Handlungsfähigkeit in unsicheren, komplexen Situationen. Sie werden definiert als Kompetenzen, die es Individuen erlauben, in hochemergenten Handlungskontexten selbstorganisiert Probleme zu lösen; sie beruhen auf kognitiven, motivational-volitionalen und sozialen Ressourcen und sind wertebasiert (Ehlers, 2019). Ein Ankerkonzept dabei ist Selbstorganisation – die „vierte Dimension“ des Bildungsbegriffs, ohne die Kompetenzentwicklung leerliefe (Ehlers, 2019).
Für Social-Media-Nutzung heißt das konkret:
Kurz: Future Skills sind die systemische Antwort auf die Ambivalenzen digitaler Umwelten – Regulierung setzt Leitplanken, Pädagogik macht handlungsfähig.
Fazit: Verbote mögen kurzfristig beruhigen, doch zukunftsfit wird eine Generation, wenn wir Future Skillsernst nehmen – finanziell, curricular, professionspolitisch. Regulierung setzt den Rahmen. Bildung füllt ihn mit Leben. Oder anders: Verbote können nicht heilen, was Bildungspolitik beschädigt; das kann nur eine ernsthafte, systematisch verankerte Medienbildung.
European Commission. (2025, July 14). Commission publishes guidelines on the protection of minors under the Digital Services Act. https://digital-strategy.ec.europa.eu/en/library/commission-publishes-guidelines-protection-minorsDigitale Strategie Europas
Ehlers, U.-D. (2019). Future Skills – Zukunft des Lernens – Zukunft der Hochschulen (Open-Access-Monografie). Karlsruhe. (Zitate und Auszüge im Text)
Leopoldina – Nationale Akademie der Wissenschaften. (2025, August 13). Altersgrenzen für Social Media und Einschränkung suchterzeugender Plattform-Funktionen: Diskussionspapier empfiehlt besseren Schutz von Kindern und Jugendlichen (Pressemitteilung). https://www.leopoldina.org/presse-1/pressemitteilungen/pressemitteilung/press/3154/leopoldina.org
Meineck, S. (2025, August 20). Leopoldina-Papier unter der Lupe: Die magische Anziehungskraft des Social-Media-Verbots. netzpolitik.org. https://netzpolitik.org/2025/leopoldina-papier-unter-der-lupe-die-magische-anziehungskraft-des-social-media-verbots/ netzpolitik.org
Santos, R. M. S., Mendes, C. G., Bressani, G. Y. S., Ventura, S. d. A., Nogueira, Y. J. d. A., & Miranda, D. M. (2023). The associations between screen time and mental health in adolescents: A systematic review. BMC Psychology, 11, 127. https://bmcpsychology.biomedcentral.com/articles/10.1186/s40359-023-01166-7 BioMed Central
WHO Regional Office for Europe. (2024, September 25). Teens, screens and mental health (Media release). https://www.who.int/europe/news/item/25-09-2024-teens--screens-and-mental-health Weltgesundheitsorganisation
WHO Regional Office for Europe. (2025). Addressing the digital determinants of youth mental health and well-being in the WHO European Region (Policy brief). https://www.who.int/europe/publications/i/item/WHO-EURO-2025-12187-51959-79685 Weltgesundheitsorganisation
Hinweis: Ergänzend berichten aktuelle Medien (FT/Reuters/The Verge) über die EU-Pilotierung einer datenschutzfreundlichen Altersverifikations-App als Übergangslösung bis zur EUDI-Wallet (2026). Diese Entwicklungen unterstreichen, dass Regulierung im Fluss ist – und Pädagogik der stabile, langfristige Hebel bleibt. Financial TimesReutersThe Verge
Leiter der Forschungsgruppe und Professur für Bildungsmanagement und Lebenslanges Lernen