Social-Media-Verbote für Kinder
oder endlich ernsthafte Medienbildung? Ein Plädoyer für Future Skills

von Ulf-Daniel Ehlers  |  22. August 2025

Die Sorge ist berechtigt: Kinder und Jugendliche können unter problematischer Social-Media-Nutzung leiden – Schlaf, Konzentration und psychisches Wohlbefinden sind sensible Größen. Neue Daten des WHO-Regionalbüros für Europa zeigen z. B. einen Anstieg problematischer Social-Media-Nutzung von 7 % (2018) auf 11 % (2022) (WHO Regional Office for Europe, 2024). Weltgesundheitsorganisation+1 Gleichzeitig bleibt die Forschungslage insgesamt heterogen; viele Studien berichten assoziative, nicht kausale Zusammenhänge (Santos et al., 2023; WHO Regional Office for Europe, 2025). BioMed CentralWeltgesundheitsorganisation

Vor diesem Hintergrund fordern manche Stimmen harte Altersgrenzen („unter 13 verboten“). Die Leopoldinaargumentiert hier vorsorgelogisch – empfiehlt also Schutz auch bei Unsicherheit – und nennt zugleich ein Bündelkonkreter, schnell umsetzbarer Maßnahmen: kindgerechte Standardeinstellungen, Begrenzung suchterzeugender Designs (Autoplay, Push, Endless Scroll), altersgerechte Empfehlungssysteme, systematische Aufklärung und bessere Eltern-Features – vorzugsweise europarechtlich verankert (Leopoldina, 2025). leopoldina.org Die EU-Kommission hat dazu mit den DSA-Leitlinien zum Schutz von Minderjährigen (14.07.2025) einen wichtigen Orientierungsrahmen veröffentlicht: safer-by-design-Defaults, Risikoprüfungen zu „süchtigmachenden“ Mechaniken, strengere Profiling-/Werbepraktiken, Transparenzpflichten und Aufsicht durch das European Board for Digital Services (European Commission, 2025). Digitale Strategie Europasmerlin.obs.coe.intTaylor Wessing

Bildung statt Verbotslogik – warum Regulierung allein nicht reichen wird


Aktuelle Daten
deuten also auf mehr problematische Nutzung und Risiken hin; die Evidenzlage bleibt jedoch heterogen und oft nur assoziativ (Santos et al., 2023; WHO Regional Office for Europe, 2024, 2025). Genau das nährt die politische Versuchung, mit Altersgrenzen schnelle Gewissheiten zu erzeugen. Doch Alterskontrollen sind technisch leicht zu umgehen, datenschutzrechtlich heikel (fehleranfällige Verfahren, potenzielle Over-/Under-blocking-Effekte) und sozial nicht neutral – und sie lenken vom eigentlichen Hebel ab: Bildung und Gestaltung (Meineck, 2025). BioMed CentralWeltgesundheitsorganisation+1netzpolitik.org

Kernpunkt: Verbote können Symptome dämpfen, heilen aber nicht, was Bildungspolitik über Jahre versäumt hat. Wenn wir Kindern und Jugendlichen nicht systematisch beibringen, Nutzung und Nicht-Nutzung kompetent zu balancieren, Aufmerksamkeit zu steuern, Prioritäten zu setzen und digitale Räume kreativ wie kritisch zu nutzen, bleibt das Problem bestehen – nur verlagert. Verbote werden dann zum Symbol eines pädagogischen Rückzugs, einer Bankrotterklärung der Bildungspolitik. Medienkompetenz umfasst ausdrücklich Nichtnutzungskompetenz (bewusstes Weglegen), kritische Reflexion, kreative Gestaltung und soziale Selbstregulation – das sind Future Skills par excellence (Meineck, 2025; Ehlers, 2019). netzpolitik.org

Was Future Skills hier leisten – und wie sie verankert werden


Future Skills
markieren den Übergang von reiner Wissensvermittlung hin zu Handlungsfähigkeit in unsicheren, komplexen Situationen. Sie werden definiert als Kompetenzen, die es Individuen erlauben, in hochemergenten Handlungskontexten selbstorganisiert Probleme zu lösen; sie beruhen auf kognitiven, motivational-volitionalen und sozialen Ressourcen und sind wertebasiert (Ehlers, 2019). Ein Ankerkonzept dabei ist Selbstorganisation – die „vierte Dimension“ des Bildungsbegriffs, ohne die Kompetenzentwicklung leerliefe (Ehlers, 2019).

Für Social-Media-Nutzung heißt das konkret:

  • Digitalkompetenz als Future Skill umfasst Wissen über Wirkungsweisen digitaler Medien, Anwendung, gestaltende Produktion, kritische Haltung – und die Kenntnis von Potenzialen und Grenzen (Ehlers, 2019).
  • Selbstorganisationskompetenz befähigt Lernende, Aufmerksamkeit zu steuern, Prioritäten zu setzen, digitale Abstinenz situationsangemessen einzuüben und Verantwortung für die eigene Online-Umwelt zu übernehmen (Ehlers, 2019).
  • Zukunfts- und Gestaltungskompetenz, Sinnstiftung, Kooperation stärken die Fähigkeit, digitale Räume für eigene Ziele und gemeinsames Arbeiten zu nutzen – statt nur passiv zu konsumieren (Ehlers, 2019).

Kurz: Future Skills sind die systemische Antwort auf die Ambivalenzen digitaler Umwelten – Regulierung setzt Leitplanken, Pädagogik macht handlungsfähig.

Was jetzt zu tun ist (Kita, Schule, Elternhaus, Politik)

  1. Medienbildung ab Kita und Grundschule verbindlich verankern. Kompetenzprogressionen, die Nutzung und Nicht-Nutzung, kritische Reflexion und kreative Gestaltungfördern; regelmäßige Lerngelegenheiten statt Projektinseln. Das entspricht dem „Shift“ von Fachwissen zu Handlungskompetenz (Ehlers, 2019).
  2. Professionalisierung des pädagogischen Personals. Verbindliche Fortbildungskontingente, Coaching, Zeitbudgets; Schulleitungen als Ermöglicher lernender Organisationen. So wird Selbstorganisation gelebt statt gefordert (Ehlers, 2019).
  3. Lernkulturen der Selbststeuerung. E-Portfolios, Feedback-Schleifen, kollaborative Umgebungen: Lernende üben Zielsetzung, Reflexion, Abschalten, Priorisieren – die Basistechniken der Nichtnutzungskompetenz (Ehlers, 2019).
  4. Safer-by-design plus Didaktik. Die DSA-Leitlinien geben praktikable Standards (Defaults, Risikoprüfungen, Werbe-/Profiling-Grenzen); sie müssen mit Medienkompetenz-Curricula verzahnt werden (European Commission, 2025; Leopoldina, 2025). Digitale Strategie Europasmerlin.obs.coe.intleopoldina.org
  5. Eltern als Co-Pädagog:innen stärken. Öffentliche Kampagnen mit Kinderärzt:innen, Family-Media-Agreements, „Phone-Free-Times“ – denn elterliches Nutzungsverhalten korreliert mit dem der Kinder (Leopoldina, 2025). leopoldina.org
  6. Forschung & Datenzugang sichern. Mehr unabhängige Forschung (inkl. Datenzugang der Plattformen) zu Wirkmechanismen, Dosis-Wirkung, Schutzfaktoren und zu wirksamen didaktischen Interventionen (Leopoldina, 2025; WHO Regional Office for Europe, 2025). leopoldina.orgWeltgesundheitsorganisation

Ein realistischer, zweigleisiger Weg

  • Regulierung (DSA-Leitlinien) schafft Leitplanken, adressiert riskantes Design und verpflichtet Plattformen – sinnvoll, verhältnismäßig, europäisch koordiniert. Digitale Strategie Europas
  • Pädagogik (Future Skills) schafft Handlungsfähigkeit: Sie befähigt Kinder und Jugendliche, mit Mediensouverän umzugehen – und ohne Medien auszukommen. Das ist keine „weiche“ Alternative zum Verbot, sondern die harte Kernarbeit einer zeitgemäßen Bildung, die Selbstorganisation, Reflexion, Kreativität und Verantwortung ins Zentrum stellt (Ehlers, 2019).
Fazit: Verbote mögen kurzfristig beruhigen, doch zukunftsfit wird eine Generation, wenn wir Future Skillsernst nehmen – finanziell, curricular, professionspolitisch. Regulierung setzt den Rahmen. Bildung füllt ihn mit Leben. Oder anders: Verbote können nicht heilen, was Bildungspolitik beschädigt; das kann nur eine ernsthafte, systematisch verankerte Medienbildung.

Literatur

European Commission. (2025, July 14). Commission publishes guidelines on the protection of minors under the Digital Services Act. https://digital-strategy.ec.europa.eu/en/library/commission-publishes-guidelines-protection-minorsDigitale Strategie Europas

Ehlers, U.-D. (2019). Future Skills – Zukunft des Lernens – Zukunft der Hochschulen (Open-Access-Monografie). Karlsruhe. (Zitate und Auszüge im Text)

Leopoldina – Nationale Akademie der Wissenschaften. (2025, August 13). Altersgrenzen für Social Media und Einschränkung suchterzeugender Plattform-Funktionen: Diskussionspapier empfiehlt besseren Schutz von Kindern und Jugendlichen (Pressemitteilung). https://www.leopoldina.org/presse-1/pressemitteilungen/pressemitteilung/press/3154/leopoldina.org

Meineck, S. (2025, August 20). Leopoldina-Papier unter der Lupe: Die magische Anziehungskraft des Social-Media-Verbots. netzpolitik.org. https://netzpolitik.org/2025/leopoldina-papier-unter-der-lupe-die-magische-anziehungskraft-des-social-media-verbots/ netzpolitik.org

Santos, R. M. S., Mendes, C. G., Bressani, G. Y. S., Ventura, S. d. A., Nogueira, Y. J. d. A., & Miranda, D. M. (2023). The associations between screen time and mental health in adolescents: A systematic review. BMC Psychology, 11, 127. https://bmcpsychology.biomedcentral.com/articles/10.1186/s40359-023-01166-7 BioMed Central

WHO Regional Office for Europe. (2024, September 25). Teens, screens and mental health (Media release). https://www.who.int/europe/news/item/25-09-2024-teens--screens-and-mental-health Weltgesundheitsorganisation

WHO Regional Office for Europe. (2025). Addressing the digital determinants of youth mental health and well-being in the WHO European Region (Policy brief). https://www.who.int/europe/publications/i/item/WHO-EURO-2025-12187-51959-79685 Weltgesundheitsorganisation

Hinweis: Ergänzend berichten aktuelle Medien (FT/Reuters/The Verge) über die EU-Pilotierung einer datenschutzfreundlichen Altersverifikations-App als Übergangslösung bis zur EUDI-Wallet (2026). Diese Entwicklungen unterstreichen, dass Regulierung im Fluss ist – und Pädagogik der stabile, langfristige Hebel bleibt. Financial TimesReutersThe Verge

Prof. Dr. Ulf-Daniel
Ehlers

Leiter der Forschungsgruppe und Professur für Bildungsmanagement und Lebenslanges Lernen

Datenschutzeinstellungen

Sie können hier die Einstellungen für die Cookies anpassen.

Wählen Sie bitte aus, welche Cookies Sie akzeptieren möchten und bestätigen Sie durch Klicken des Button. Sie werden anschließend auf die Startseite zurückgeleitet.

Bitte beachten Sie, dass beim Setzten des Hakens "Externe Medien" Daten, wie Beispielsweise Ihre IP-Adresse, an Google und somit möglicherweise in ein Drittland ohne Datenschutzabkommen übermittelt werden. Dies geschieht insbesondere, wenn Sie unsere Videos anschauen.